Hormonbehandlung der Migräne
Die Migräne wird als „menstruell“ bezeichnet, wenn die Anfälle zu 90 % in der Zeit vom 2. Tag vor bis 2. Tag nach Beginn der Menstruation auftreten. Sie sind dann meist heftiger und länger anhaltend als bei der azyklischen Migräne, aber nur selten mit einer Aura verbunden. Diese rein zyklische Form betrifft ca. 10 % aller Migränepatientinnen, am häufigsten sind jedoch die gemischten Formen.
In der Schwangerschaft verschwindet die menstruelle Migräne mit großer Zuverlässigkeit, aber auch die azyklischen Formen bessern sich meist (70 %). Manchmal tritt die Migräne zum ersten Mal in der Schwangerschaft auf oder intensiviert sich (5 %). Ein bis zwei Tage nach der Entbindung klagen viele Patientinnen erneut über ihre erste Attacke. Der Einfluss des Stillens auf die Migräne ist schlecht untersucht. Eigene Beobachtungen weisen darauf hin, dass in der Stillzeit (zumindest bei der rein menstruellen Migräne) meist eine Besserung auftritt.
All diese Beobachtungen weisen darauf hin, dass insbesondere bei der menstruellen Migräne hormonelle Faktoren eine Rolle spielen. Sie wird daher auch als „Östrogenentzugsmigräne“ bezeichnet. Sicherlich ist der Östrogenabfall (prämenstruell, postpartal) nicht die einzige Ursache. Eine genetische Disposition (familiäre Belastung) gilt als gesichert. Hormonelle Analysen während des Zyklus (Lancet ’75) zeigen, dass Migränepatientinnen sich durch einen besonders hohen „Östrogenbuckel“ während der Gelbkörperphase (= 2. Zyclushälfte).
Die hormonelle Therapie ist besonders erfolgversprechend bei der menstruellen Migräne. Häufig führt sie jedoch auch zur deutlichen Besserung bei der azyklischen Formen. Das therapeutische Prinzip lautet: Glättung des Östrogenspiegels! Dieses Ziel lässt sich mit verschiedenen Interventionen erreichen. Welches Verfahren für die betreffende Patienten geeignet ist, hängt von der Beantwortung folgender Fragen ab:
- Wie alt ist die Patientin?
- Hat sie Kinderwunsch oder möchte sie verhüten?
- An welchen Begleitbeschwerden oder –erkrankungen leidet sie?
- Was sind ihre eigenen Behandlungswünsche?
An therapeutischen Interventionen zur Glättung des Östrogenspiegels stehen zur Verfügung:
- Die „Pille“ nonstop (d.h. ohne Pausen)
- Gestagene (3-Monatsspritze, orale Gestagene)
- Östrogengele oder –pflaster (bei Kinderwunsch)
- GnRH-Analoga (eventuell mit „Rückgabe“ von etwas Östrogenen)
- Tamoxifen während der Gelbkörperphase
- Operative Entfernung der Eierstöcke (in Ausnahmefällen)
Bei der Hormontherapie handelt es sich immer um eine Präventivtherapie. Ihr Ziel ist das Ausbleiben der Regelblutungen und damit der Migräne. Die Gel- oder Pflasterbehandlung perimenstruell bei Patientinnen mit Kinderwunsch ist daher ein Kompromiss. In der Postmenopause ist die transdermale Hormonersatztherpie die Methode der Wahl. Die zyklische Form mit Pausen ist kontraindiziert. Tamoxifen in der Postmenopause kann Migräne auslösen.
Fast jeder Patientin mit menstrueller Migräne kann durch eine Hormontherapie geholfen werden, aber auch für Patientinnen mit normaler bzw. azyklischer Migräne lohnt sich der Weg zum Gynäkologen.
Epstein M.T.et al, Lancet 1:543-548, 1975
Prof. Dr. H. Lübbert


